Engelwein

Wein ist in Niederösterreich immer ein zentraler Bestandteil aller Kultur- und Event Veranstaltungen. Meist kommt er bei diesen Gelegenheiten sogar zu höheren Ehren. Aus Grünem Veltliner oder Zweigelt wird plötzlich ein Festspielwein, ein Opernballwein, ein Radetzkywein, ein Philharmoniker oder trägt zumindest als Messwein maßgeblich zum festlichen Rahmen bei. Diese Namen ließen sich fast beliebig fortsetzen, aber ich möchte einem, fast immer vergessenem Wein, auch einmal zu höheren Ehren verhelfen, nämlich dem Engelwein.

Engelwein, oder wie die Schotten sagen, „Angel Dust“, ist kein besonderer Wein, der von Engeln getrunken wird (oder vielleicht doch?). Jedenfalls nicht von Bischöfen oder gar Päpsten, sondern ist eher etwas ganz Banales. Jedem Wirt, Winzer, ob Profi mit vielen hundert Hektar Anbaufläche, oder Amateur, der gerade mal einen Glasballon mit Wein befüllt, passiert es. Beim Einschenken und auch in geselliger Runde fließt  immer ein kleiner Teil des edlen Tropfens zurück in den Boden. Auch in den Fässern selbst, durch Verdampfen oder Ausdehnung und auch Temperaturschwankungen geht immer etwas Wein verloren und muss laufend ersetzt werden. Bei den Schotten ist es halt der Whisky.

Meist ist irgend eine Unachtsamkeit im Spiel, oder es rinnt einfach ein Rest aus den verwendeten Schläuchen oder Gefäßen auf den Boden. Geringe Mengen dieses verschütteten oder verdampften Weines bereiten niemandem Kopfzerbrechen,  sondern werden als Engelwein bezeichnet. Es wird meist, als leicht zu verkraftendes Opfer angesehen, und man hat dabei auch irgendwie ein gutes Gewissen, wenigstens eine kleine Menge der edlen Flüssigkeit,  der Natur  wieder zurückgegeben zu haben.

Ich sehe das auch so, aber als  kleiner Winzer, sollte man schon besonders sorgsam mit den beschränkten Mengen umgehen. Das versuche ich natürlich auch, aber vielleicht gerade deshalb, und oder auch im Zusammenhang mit meinem eher hektischen Naturell, war mein Anteil an unfreiwillig geopfertem Engelwein, leider lange Zeit überproportional hoch.

Nach jedem Arbeitstag, wo ich mit Wein hantiere, sei es bloßes Umziehen, Filtrieren oder Abfüllen, fragt mich meine Frau, ob alles gut gelaufen ist, denn sie kennt mich. Es ist schon ein besonders guter Tag, wenn auch nicht das kleinste Desaster passiert ist.

Ich erinnere mich noch mit Schaudern an das schallende Gelächter meiner Freunde als wir gemeinsam für eine Kulturveranstaltung spezielle „Stifterln“, also kleine viertel Liter Flaschen, abgefüllt hatten. Ich wollte, ob der großen Anzahl an kleinen Flaschen, besonders schnell und effizient arbeiten, und so passierte mir  natürlich der obligate  winzige Fehler.

Alles lief perfekt, der Rotwein wurde direkt aus dem Fass filtriert und lief in einen größeren Kunststoffbehälter, und nachdem dieser halb voll gelaufen war, von dort sofort in die Abfüllanlage. Zu und Ablauf waren im Gleichgewicht, und alle staunten über das für einen Hobbywinzer besonders effiziente und professionell ausgeklügelte System.

In diesem System, gab es natürlich eine Menge Schläuche und Verbindungen, die ich selbstverständlich vorher alle säuberlich kontrolliert und nachgezogen hatte.

Leider, übersah ich dabei eine winzige Kleinigkeit, einen lockeren Schlauchbinder. Es war ein Schlauch der von der Pumpe zur Filteranlage führte. Im Laufe des Filtrierprozesses steigt der Druck natürlich an, da sich die Filterschichten immer mehr belegen, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis das Malheur seinen Lauf nahm.

Wir hatten Spaß bei der Arbeit, die sehr zügig voranging und bald war mehr als die Hälfte der Fläschchen gefüllt, und auch so manche Kostprobe getrunken, was die Stimmung zusätzlich belebte.

Gerade als alle  über einen kleinen Scherz lachten, machte es einen überraschenden Knall. Ein Schlauch, nämlich genau der mit dem losen Schlauchbinder, war explosionsartig aus seiner Befestigung vom Flansch gesprungen, und der volle Stahl mit Rotwein, spritzte wie bei einem Springbrunnen gerade in die Höhe, und die ganze Soße  mir genau  auf den Kopf. Bis ich die Ursache und den Schalter der Pumpe gefunden hatte, war  ich richtiggehend in Rotwein gebadet.

Dämlicher kann man wirklich nicht aussehen. Dummerweise hatte es gerade mich und keinen meiner Freunde erwischt. Für Spott und Gelächter war jetzt mehr als ausreichend gesorgt.

Auch wenn vielleicht nur drei bis vier Liter verloren gegangen waren, so sorgt diese Menge an verschüttetem Rotwein, doch für ein beträchtliches Schlamassel. Es dauerte mindestens eine halbe Stunde, bis ich mich wieder gewaschen und umgezogen hatte und alles wieder aufgewischt war.

Eine Zeit in der meine Freunde mehr als genug Gelegenheit  gehabt hatten, sich jede Menge an spöttischen Bemerkungen einfallen zu lassen. Glücklicherweise hatte ich eine Kappe aufgehabt, so dass der Rotstich meiner Haare nur die Schläfen betroffen hatte.

Diese Geschichte höre ich selbst nach einigen Jahren immer noch. Als meine Frau einmal einen besonders rötlichen Farbstich im Haar hatte,  frisch nach einem Friseurbesuch, wurde ich prompt von einem Freund gefragt, ob sie mir  bei der Kellerarbeit geholfen hätte.

Diese Episode war mehr peinlich als schlimm. Viel schlimmer erwischte es mich, als ich einmal vergessen hatte, den Abflusshahn des Stahltanks zu schließen, in den ich gerade Wein aus dem Presshaus in den Keller umzog. Da waren schon gut hundert Liter ausgeronnen, bevor ich überhaupt drauf gekommen war.

Einmal filtrierte ich die erste Charge  Jungwein  in den mobilen Tank und beschloss den Wein aus Zeitgründen erst am nächsten Tag abzufüllen.

Leider hatte ich irgendwo den Dichtungsring am Abflussstutzen des Behälters beim Reinigen verloren und nicht bemerkt, da anfänglich alles dicht schien. Aber am nächsten Morgen hatte sich die Hälfte des Inhalts doch den Weg langsam ins Freie gesucht und neben ordentlichem Frust, auch für eine entsprechende weinige  Überschwemmung gesorgt.

Trotz aller Vorsicht und meist abgeschaltetem Handy, denn die Anrufe kommen immer genau in dem Augenblick, wo irgend etwas übergehen zu droht, lassen sich diverse „Hoppalas“ anscheinend  nie wirklich ganz abstellen. Zu groß ist die Anzahl möglicher Fehlerquellen.

Auf diese Art und Weise hatte ich, allerdings  ziemlich unfreiwillig, inzwischen doch eine ganze Menge Engelwein der Natur wieder zurückgegeben. Damit habe  ich mich inzwischen abgefunden, vielleicht komme ich deswegen sogar in den Himmel.

Aber neben den menschlichen Fehlerquellen scheinen im Weingeschäft, zusätzlich auch noch einige unerklärliche Phänomene aufzutreten.

Die Kellerarbeit konzentriert sich natürlich auf den Herbst, hauptsächlich nach der Lese und dann nochmals im Frühjahr, wo die fertigen Tropfen erstmals abgefüllt werden. Im Sommer ist es dann eher ruhig, und es reicht, so einmal pro Woche, die vollen Fässer zu kontrollieren und die fehlende Menge nachzufüllen.

In einem sehr heißen und trockenem Juli vor zwei Jahren, wurde ich aber stutzig. Es fehlten nicht die üblichen eins bis zwei Liter, sondern mindestens zehn Liter.

In unserem Ort haben die meisten Winzer den Kellerschlüssel irgendwo hinter einem Kellerfenster versteckt, was natürlich alle wissen. Mein Keller, ein altes Juwel, hat noch zwei schöne  Sandsteinfenster, die  ein bequemes  Versteck für den Kellerschlüssel abgeben, was natürlich auch kein wirkliches Geheimnis ist, und so war mein erster Gedanke, dass sich anscheinend irgend jemand gratis bedient hatte.

Ich nahm daher den Schlüssel ab sofort mit nach Hause. Danach war einige Tage Ruhe, und ich dachte schon, dass das Problem damit erledigt sei. Aber ein paar Tage später fehlten wieder fast zehn Liter. Ich war anfänglich etwas ratlos und untersuchte alle Fässer nochmals ganz genau auf mögliche undichte Stellen, aber da war alles staubtrocken.

Die alten Kellerschlüssel sind zwar urig, aber natürlich alles andere als Sicherheitsschlüssel, und so dachte ich, dass irgend jemand einen zweiten passenden Schlüssel besitzt.

Also ließ ich etwas Licht im Keller brennen und installierte eine Kamera, die etwa alle fünf Minuten ein  Bild der Kellertüre aufnahm.  Ein paar Tage war Ruhe, aber plötzlich fehlten wieder etwa zehn Liter,  die Bilder zeigten jedoch  nicht die geringste Unregelmäßigkeit.

Die ganze Geschichte wurde mir langsam unheimlich. Glücklicherweise habe ich immer etwas Füllwein in einem Stahltank und so hielt sich das Malheur noch in Grenzen, aber bald würde auch dieser Füllwein aufgebraucht sein. Interessanterweise fehlte immer aus einem bestimmten Fass am meisten. Es war gar nicht das Fass mit dem meiner Meinung nach bestem Wein, sondern jenes,  in dem ein leichter, aber sehr süffiger,  roter Tischwein lagerte. Aber gerade dieses Fass war schon älter und besonders dicht.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie das passieren konnte und machte schließlich noch einen letzten Versuch mit der Kamera. Ich richtete sie genau auf dieses Fass und verkürzte die Abstände der Aufnahmen auf etwa  zwei Minuten, das ging sich mit der Speicherkapazität gerade noch aus und sollte eigentlich jeden noch so schnellen Dieb erwischen.

Wieder war ein paar Tage Ruhe, dieses Mal sogar fast zehn Tage lang. Aber nach zwei sehr heißen schwülen Sommertagen, die auf einen kurzen aber heftigen Regenguss gefolgt waren, fehlten sogar mehr als zehn Liter.

Ich nahm den Chip aus der Kamera, steckte ihn in den PC und begann die Bilder zu laden, allerdings ohne mir allzu viel Hoffnung auf einen Erfolg zu machen. Die Daumennagel kleinen Bilder zeigten  wie erwartet auch keine großen Auffälligkeiten oder gar etwaige Besucher. Aber beim Hochladen fiel mir doch eine geringfügige  Bewegung in einem ganz bestimmten Zeitabschnitt auf. Ich klickte auf die verdächtigen Bilder, und sah mir diese jetzt in der Vergrößerung genauer an.

Die Aufnahmen kamen wie in Zeitlupe und mir stockte plötzlich der Atem. Aus dem lehmigen Kellerboden kamen lange dünne schlangenartige Gebilde heraus, krochen das  Fass hoch, ringelten sich um den Silikonspund, drückten diesen zur Seite und schlängelten sich in das Fass hinein.

Obwohl ich in sicherer Entfernung vor meinem PC saß, bekam ich eine Gänsehaut und der Schluck Wein vom Mittagessen versuchte sofort meinen Körper wieder zu verlassen, da ich noch dazu eine ausgeprägte Schlangenphobie habe.

Die Kamera zeigte nur das eine Fass, aber am Rande sah ich, dass auch das Nachbarfass Besuch gehabt hatte. Leider war das Licht nicht allzu gut um scharfe Vergrößerungen zuzulassen, aber nach einer Nachbearbeitung der Bilder war doch zu erkennen, dass es sich  eher um pflanzliche wurzelartige Gebilde und keine tierischen Lebewesen handeln musste.

Jetzt hatte ich ein echtes Problem. Im Keller mehrere Tage zu übernachten kam nicht in Frage, das war mir nicht nur zu unbequem, sondern auch zu gruselig. Wer weis schon, was diese unheimlichen  Gebilde mit mir anstellen würden. Wenn sie einen Spund herausziehen konnten, so waren sie  möglicherweise  auch in der Lage mich  zu erwürgen, ein grauenhafter Gedanke!

Diese Geschichte im Ort erzählen und um Rat fragen, wollte ich trotz der Bildbeweise auch nicht. Man würde mich endgültig  für verrückt halten und die Bilder ohnehin als  Fotomontage ansehen.

Schließlich erinnerte ich mich daran, dass Freunde von mir, ihr neues Haus und den Garten,  von einer Schamanin und Feng-shui Expertin auspendeln ließen, bevor sie endgültig eingezogen waren. Dieser Frau könnte  ich mich vermutlich anvertrauen, dachte ich, und ließ mir ihre Adresse geben.

Anja, so hieß die Frau, hörte sich die Geschichte geduldig an, sah kurz auf die Bilder und lachte herzhaft. Ich fragte sie, was denn so lustig an dieser Geschichte sei?

Sie antwortete noch immer lachend: „Ich gehe davon aus, dass über dem Keller ein sehr trinkfreudiger Baumgeist wohnt. Es ist gut so, dass du nichts unternommen hast, denn normalerweise sind diese Geister sehr gutmütig, können aber auch extrem boshaft werden, wenn man sie ärgert. Abgesehen davon scheint ihm dein Wein doch zu schmecken, freu dich darüber“.

Ich dachte, jetzt verarscht mich diese nette Dame auch noch, aber tatsächlich ist der Kellerberg über meinem Weinkeller ziemlich dicht bewachsen, so dass ich diese Möglichkeit doch nicht ganz ausschließen konnte.

Da gibt da eine Menge von Kriecherl und Zwetschkenbäumen, Holunderstauden, einen Kirschbaum mit erstaunlich guten Vogelkirschen, einen wilden Birnbaum und ein paar  Eschen, Weinviertler Macchia also. „Ich sehe mir das gerne einmal genauer an, meinte Anja zu meiner Beruhigung abschließend.“ Sie hatte meinen säuerlichen Gesichtsausdruck richtig interpretiert.

Anja kam tatsächlich bald vorbei, sah sich die Bäume genau an und machte mich auf die großen Knollen im Stamm des Kirschbaums aufmerksam. Auch der Birnbaum wies ähnliche Gebilde auf.  „Es ist hauptsächlich der Kirschbaum“ sagte Anja. Darin wohnt mit Sicherheit ein alter Baumgeist. Er hat sich diesen Platz anscheinend nicht ohne Grund ausgesucht, sieh dir nur die knollenartigen Gebilde an, das ist ganz typisch, wie eine Säufernase. Das mit dem Kirschbaum leuchtete mir ein. Irgendwie war ich stolz auf diesen Wein, der ein ganz besonders schönes Aroma, nach voll reifen, schwarzen Kirschen, hatte.

Aber was soll ich jetzt tun, fragte ich? Er kann mir doch nicht den ganzen Wein austrinken. “Ich glaube, das will er gar nicht, er trinkt nur, wenn er großen Durst hat, also bei großer Trockenheit“ antwortete Anja. „Stell ihm einfach einen Kübel Wasser in den Keller und gib etwas Wein hinein, nicht zuviel, denn wie du siehst,  bevorzugt er  die leichteren Weine.“

Ich war mir immer noch nicht sicher, ob mich  Anja vielleicht  doch auf den Arm nehmen wollte. Aber sie nahm kein Geld, sondern erbat sich nur eine Kostprobe aus dem betroffenen Fass als Honorar, was mich doch halbwegs überzeugte.

Schließlich befolgte ich ihren Rat, stellte einen Kübel mit Wasser in den Keller und gab gut einen halben Liter Rotwein hinein. Tatsächlich war der Kübel zwei Tage später völlig leer. Das ging den ganzen Sommer so. Es waren so an die zwanzig Kübel Wasser und ein paar Liter Wein, die so verschwanden, aber meine Fässer hatten ab sofort wieder ihre Ruhe. Ab September blieb auch der Kübel unangetastet und Anja hatte mir inzwischen fast den ganzen Wein aus dem betroffenen Fass abgekauft. Anscheinend machte sie ein besonderes Tonikum aus diesem Wein, mehr konnte ich nicht aus ihr herausbekommen.

Im nächsten Frühjahr blühte der Kirschbaum in einer nie gekannten Pracht, so wie wenn er uns anlachen würde, und auch der Birnbaum sah richtig heiter aus. Anscheinend trank der Baumgeist, wie auch die Menschen,  lieber in Gesellschaft.

Im darauf folgenden Sommer, stellte ich natürlich wieder den Kübel auf, und probierte es auch mit anderen Weinen als Zugabe. Der Baumgeist erwies sich als exzellenter Verkoster. Interessanterweise deckte sich der Geschmack des Baumgeistes mit dem meiner Frau. Das konnte ich daran erkennen, dass er einen Wein, der ihr nicht besonders schmecke, auch nicht anrührte. Es musste unbedingt ein guter blauer Portugieser,  oder zumindest ein Cuvee davon sein. Auch einem eleganten fruchtigen Weißwein war er nicht abgeneigt. Jeden fehlerhaften Wein, oder eine starke Holznote, lehnte er ab.

Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist aber, dass mir genau ab diesem Zeitpunkt, wo ich die „Wasser-Wein“ Spende bereit gestellt hatte, kein einziges „Hoppala“ mehr passiert ist. Diese Investition hat sich anscheinend voll gelohnt. Also liebe  Wirte, Kellerbesitzer, egal ob  Winzer oder  Sammler, versuchen sie es einmal  mit dieser Methode, wenn ihnen die besten Tropfen  auf unerklärliche Weise abhanden kommen, bevor sie möglicherweise völlig Unschuldige verdächtigen.

Copyright Rudof Bulant März 2010