Biohyperdynamischer Wein

( Nebenwirkungen lt. Beipackzettel )

Jeder Winzer träumt davon, wenigstens einmal im Leben einen ganz besonderen Wein keltern zu dürfen. Einen Wein, der den Winzerkollegen neidischen Respekt entlockt, und die eigenen Freunde sich geehrt fühlen, wenn sie eine Kostprobe davon bekommen können. Aber wie so oft im Leben sind manchmal Dinge wie verhext.

Jedes mal, wenn ich dachte, „das ist er“, ging irgend etwas schief damit. Einmal, nach einem Traumsommer und dem darauffolgenden langen trockenem Herbst hingen an den alten Rebstöcken die Trauben wie Rosinen. Nicht trockene runzelige verfaulte Rosinen mit undefinierbarer Farbe, sondern wunderschöne lachsrote Trauben, leicht eingetrocknet, aber kerngesund, knackig und wunderbar süß.

Der Wein daraus wurde tatsächlich ein Traum. Feines Aroma, dicht und mollig, feine Säure und eine durchaus angenehme Restsüße ergaben insgesamt, einen traumhaft harmonischen Trinkgenuss.

Aufgrund der Erfahrung, dass es sehr schwierig ist, Weine mit hoher Restsüße, in diesem Zustand stabil halten zu können, war ich entsprechend vorsichtig und lagerte den Wein den ganzen darauf folgenden Sommer in einem besonders gründlich gereinigten Stahltank im Presshaus, wo es auch entsprechend warm war, um die Stabilität auch testen zu können. Tatsächlich schien diesem Wein nicht anhaben zu können, er blieb stabil und war immer der krönende Abschluss aller Wein Verkostungen. Ich war knapp vor meinem Ziel. Aber noch war es nicht ganz erreicht. Irgendwann musste er schließlich doch in Flaschen gefüllt werden und auch die staatliche Prüfnummer war noch ausständig.

Also, neue schöne Halbliterflaschen beschaffen, spülen, nochmals spülen, sterilisieren, keimfrei filtrieren, abfüllen, sofort verkorken und im kühlen Keller lagern.

Der Traum war jetzt tatsächlich in der Flasche. Dort musste er erst einmal ein wenig rasten, bevor er zum offiziellen Test gehen sollte. Nach etwa zwei Wochen öffnete ich einmal versuchsweise eine Flasche. Der Wein war fein, sogar noch etwas lebhafter als vorher, da etwas Kohlensäure hinzugekommen war, aber dieser Umstand machte mich doch  leicht misstrauisch, obwohl das durch den Füllvorgang durchaus normal war und ich beschloss daher  noch etwas zuzuwarten.

Leider war das Misstrauen nur zu berechtigt gewesen, denn eine Woche später roch es im ganzen Keller nach verschüttetem Wein. Mir schwante übles, aber die Realität übertraf meine Befürchtungen noch bei Weitem. Etwa ein Drittel der doch sehr langen und festen Korken hatte die Flaschen eigenständig wieder verlassen und dadurch die schöne Flüssigkeit dem Boden eigenmächtig wieder zurück gegeben.

Der Ärger war groß, es blieb mir nichts mehr anderes übrig als die restlichen Korken wie bei einem guten Prosecco mit Schnüren zu fixieren, um wenigstens den Rest zu erhalten, an eine Prüfnummer brauchte ich gar nicht mehr denken. Tatsächlich war es dann auch ein sehr edles Schaumweingetränk, das speziell den Damen besonders mundete, aber mit Sicherheit nicht das von mir gewollte Produkt.

So etwas ähnliches passierte mir leider mehrmals, ein besonders schöner Rotwein verlor einmal ohne ersichtlichen Grund seine Farbe und wurde zum Rose und ein anderer Versuch zur Herstellung eines Süßweines endete als Grappa.

Als ich dann einmal einen biodynamisch hergestellten  Wein in einem berühmten Weingut verkostete, der 97 Parker Punkte erhalten hatte, kam mir plötzlich mir eine verrückte Idee. Man muss wissen, Parker Punkte sind das absolute Maß für internationale Weinqualität, und mehr als 97 Punkte hat kaum ein Wein jemals erhalten, da 100 Punkte das Maximum sind und das ist defakto kaum erreichbar. Ich war schwer beeindruckt, die hatten es tatsächlich geschafft.

Also studierte ich einmal genau, wie denn die biodynamische Methode so funktioniert. Alles beruht auf homöophatischen Effekten. Man gibt Kuhmist in ein Kuhhorn und gräbt das Ganze ein halbes Jahr im Boden ein. Dasselbe macht man mit gemahlenen Bergkristallen. Danach wird das Ergebnis in hundert Liter Wasser eingerührt und mindestens eine Stunde lang in unterschiedlichen Richtungen gerührt, sprich dynamisiert. Ein Liter dieser Flüssigkeit kann dann jeweils unter der selben Prozedur fast beliebig verdünnt werden, allerdings muss diese Flüssigkeit immer eine Stunde gerührt werden. Das Ergebnis wird dann je nach Ausgangsmaterial entweder als Pflanzenschutz, oder als Dünger verwendet. Niemand weiß, wie es funktioniert, aber es behauptet auch niemand dass es nicht funktioniert.

Meine Idee war allerdings eine ganz andere. Ich wusste, dass eine geringe Menge Wein, die Durchblutung des Gehirns anregen,  und die Intelligenzleistung kurzzeitig durchaus steigern kann.

Diesen Effekt kann man sehr gut beim Heurigen beobachten. Anfänglich, nach dem ersten Achtel, belebt sich die Kommunikation, wird phasenweise oft überraschend witzig, flacht dann allerdings mit steigendem Weinkonsum wieder deutlich ab. Glücklicherweise merken das die Betroffenen dann ohnehin nicht mehr. Für zur Abstinenz verurteilten, mehr oder weniger zufällig anwesenden Autofahrer, beginnt allerdings in dieser Phase der Leidensweg. Das dringende Bedürfnis nach Haus zu fahren, wird für die Unglücklichen mindestens  genau so drängend, wie jenes der Glücklichen, die Flüssigkeit wieder los zu werden.

Ich wollte daher einen Wein machen, der die Intelligenzleistung beträchtlich und nachhaltig steigern sollte.

Also suchte ich alles zusammen was man so als Gehirnnahrung bezeichnet. Nüsse, Lebertran, Ginko, Fisch, Olivenöl, Propolis, Karotten, Marillen und einiges mehr. Das war noch  nicht schwierig, allerdings war es dann gar nicht so einfach die vielen Kuhhörner aufzutreiben. Schließlich kaufte ich im nahegelegenem Amethystzentrum noch mehre Säckchen mit Wasserbelebungskristallen, speziell solche, die Konzentration und Aufmerksamkeit steigern sollten. Ich stopfte die einzelnen Bestandteile in je  ein Kuhhorn hinein, und vergrub die Hörner etwa zwei Monate in der Erde.

Danach nahm ich  ein paar Liter Rotwein, verdünnte diesen mit Wasser und stellte nach dem vorher genannten Rezept acht verschiedene Tinkturen her. Durch das viele Rühren hatte ich zwar  einen ordentlichen Muskelkater und meine Frau hatte mir schon die Adresse eines Psychiaters unter die Nase gehalten, aber ich war zufrieden.

Jetzt begann ich mit den Tinkturen verschiedene Mischungen auszuprobieren. Ich verwendete jeweils zehn Liter Kanister, die ich mit Wein füllte, und in die dann auch die jeweiligen Kristalle kamen. Dazu kamen jetzt die biodynamischen Tinkturen. Ich nahm immer nur drei Stoffe und variierte diese. Eine war zum Beispiel Nüsse, Fisch und Ginko, eine andere Lebertran, Propolis und Karotten und so weiter. Eine Sonderkombination waren Nüsse, Lebertran und Fisch mit einem meiner seltenen Taaffeite Kristalle zusätzlich zu den Bergkristallen als besonderes Belebungselement.

Obwohl die Tinkturen, weil homöophatisch, eigentlich unter der Nachweisgrenze lagen, schmeckten die Endprodukte doch deutlich unterschiedlich und waren auch in der Farbe ziemlich verschieden.

Am besten schmeckte die Marillen, Nüsse und Karottenkombination, aber die interessanteste Farbe hatte der Wein mit dem Taaffeite Kristall. Eigentlich konnte man die Farbe gar nicht beschreiben, denn sie änderte sich je nach dem Betrachtungswinkel andauernd, zeigte aber immer irgendwo einen tief violetten Reflex, ganz ähnlich wie der Taaffeite Kristall selbst.

Ich brannte vor Neugier, aber vorsichtshalber machte ich erst einmal  Selbstversuche. Ich schrieb mir jeweils zehn zehnstellige Zahlen auf, nahm einen Schluck und notierte am nächsten Tag, was ich davon noch  im Gedächtnis hatte. Das Ergebnis war eindeutig. Die Taaffeite Version war sensationell, und übertraf selbst meine kühnsten Erwartungen. Ich hatte mir am  nächsten Tag tatsächlich noch alle zehn Zahlen gemerkt. Die Marillen Nuss Version verhalf mir immerhin zu drei gemerkten Zahlen, während alle anderen Proben mir nur ein bis zwei gemerkte Zahlen bescherten, also ziemlich genau so viele oder wenige, wie ohne das Wundergetränk.

Ich wiederholte den Versuch und nahm nur mehr eine sehr kleine Menge zu mir, aber das Ergebnis war dasselbe, es genügte ein Zentiliter davon, darunter ließ die Wirkung allerdings deutlich nach.

Danach gab ich genau diese Menge versuchsweise meiner Enkelin Anna vor einer Lateinschularbeit zu trinken und ersuchte sie den Stoff noch einmal kurz zu überfliegen. Dar Ergebnis war eine glatte Eins. Ihre Schwester Julia probierte darauf hin das ganze vor einer Mathematik Arbeit, gleiches Ergebnis, eine glatte Eins.

Danach lud ich meine Freunde ein, und zeigte ihnen mein Experiment. Alle waren verblüfft und schnell breitete sich die Nachricht über mein Wundergetränk in der ganzen Region aus. Die Menge die ich nach dem exakt gleichen Rezept herstellen konnte war immerhin an die fünfhundert Liter. Trotzdem füllte ich nur etwa hundert Liter in Viertelliter Flaschen, die ich entsprechend teuer verkaufte. In kurzer Zeit hatte ich mit diesem Getränk mehr Geld verdient als in den letzten zehn Jahren Weinbau und aufgrund meines absoluten Gedächtnisses vermied ich es auch jemand mehr als jeweils eine Flasche zu verkaufen. Aus irgend einem Grund hatte mich etwas davor gewarnt, vermutlich im Traum, denn auch an meine Träume konnte ich mich jetzt immer haargenau erinnern, da ich jeden Tag ein Stamperl „Brainbooster“, so war das Markenzeichen, inzwischen zu mir genommen hatte.

Das Ganze lief kaum mehr als drei Monate und  auch die zweite Füllung war bereits verkauft, als mir morgens beim Rasieren etwas Eigenartiges auffiel. Mein Gedächtnis war inzwischen fotographisch, ich konnte  mir auch jedes noch so kleine Detail merken. Dass der Bart wuchs, war normal, aber dass mein schütteres Haupthaar dichter zu werden begann war nicht so normal. Hier konnte ich in den letzten Jahren eher den gegenteiligen Prozess beobachten. Anfänglich gefiel mir das ungeheuer, sollte mein Getränk sogar noch ein tatsächlich wirksames Haarwuchsmittel sein?

Eine Woche später hatte ich Gewissheit, mein Haar begann immer schneller zu wachsen. Ich nahm jetzt nur mehr einmal pro Woche Brainbooster zu mir, aber zwei Wochen später hatte ich fast eine Ganzkörperbehaarung. Vielleicht hätte ich doch nicht so viele Kuhhörner verwenden sollen?  Ich vermutete, dass dieses Material, die Ursache für den Haarwuchs war. Die Tatsache dass sich inzwischen drei weitere Friseure in der Gegend niedergelassen hatten, war auch nicht gerade beruhigend.

Natürlich stellte ich den Verkauf sofort ein, und nahm auch meinen Enkelinen ihren Vorrat wieder weg, was zwar erheblichen Protest auslöste, aber dafür fand ich eine brauchbare Ausrede. Glücklicherweise hatten die Mädchen  wesentlich weniger davon zu sich genommen, aber auch ihr Haarwuchs schien auch schon deutlich kräftiger zu sein. Anna hatte auch schon einen kleinen Damenbart bekommen, den sie allerdings immer gründlich kosmetisch wie ihr sonstiges Outfit behandelte.

Mein Problem war allerdings kaum mehr beherrschbar geworden, jeden Tag den ganzen Körper rasieren zu müssen war nicht mehr lustig. Epilierkremen wirkten zwar etwas besser aber bald war die ganze Haut so gereizt, dass ich mich auch kaum mehr traditionell  rasieren konnte. Ich konnte mich in der Gegend nirgends mehr blicken lassen, glücklicherweise erkannten mich die Menschen ohnehin fast nicht mehr.

Ich musste weg von hier. Nach einer sorgfältigen Rasur kurz vor Abflug konnte ich wenigstens wieder eine Ähnlichkeit mit meinem Passbild herstellen. Ich hoffte nur dass ich auch  kurz vor  meiner Ankunft in Brasilien mein Konterfei wieder halbwegs hinbekommen würde. Ein paar Wochen Aufenthalt im Dschungel schien mir die einzige Lösung zu sein. Ich hoffte dass die Wirkung meines „Brainboosters“ doch wieder nachlassen würde. Jetzt sitze ich in einem kleinen Dorf am Amazonas, wo niemand etwas nachfragt und trinke Caipirinha. Mein Portugiesisch, das ich während des Fluges noch spielend gelernt hatte, ist allerdings kaum mehr vorhanden, dafür ist die Behaarung  inzwischen weiß geworden.  Das macht mir jetzt allerdings auch nichts mehr aus, ich habe ohnehin vergessen wie ich einmal ausgesehen habe. Hätte ich die ganze Geschichte nicht während des Fluges niedergeschrieben, wüsste ich nicht einmal mehr warum ich hier bin.

Rudolf Bulant Juni 2009