Der wehrhafte Keller

Weinkeller sind in der Regel sehr freundliche und einladende Bauwerke. In den meisten Fällen ziehen sie die Besucher regelrecht  an. Sie geben diese dann  nur höchst ungern der frischen Luft wieder zurück. Vermutlich wohlwollend in uraltem Wissen,  dass dieser Klimawechsel nach einem längeren Keller Aufenthalt, von vielen Besuchern nur sehr schlecht vertragen wird. Gleichgewichtsverlust und Orientierungsprobleme sind meist nur die harmloseren Symptome bei der Rückkehr in die Welt nach draußen.

Die Weinkeller im Weinviertel sind meist schon recht alt und sehr eigenwillige Gebäude. Vermutlich gibt es keine zwei Keller die sich vollständig gleichen. Viele dieser Keller, haben natürlich  neben ihren jeweiligen Besitzern, samt mehr oder weniger eingeladenen Gästen, auch die Soldaten zweier Weltkriege, und vermutlich auch Napoleons Soldaten bereits gelabt. Es gibt sogar einige ganz ehrwürdige Keller darunter, die selbst römische Soldaten schon erfrischt haben. Das Durchschnittsalter der gut erhaltenen  Gebäude liegt demnach, so mindestens um die zweihundert Jahre, das ist im Weinviertel bestes Kelleralter.

Es ist also nicht verwunderlich dass viele Menschen eine Schwäche für diese historischen Gebäude haben, die es obendrein fast nur in den Weinregionen Mitteleuropas gibt. Im Weinviertel sind sie aber unbestritten am ältesten und mit Abstand am schönsten. Einige dieser Kellergassen sind sogar zum Weltkulturerbe erhoben worden.

Obwohl ich bereits einen schönen Weinkeller besitze, konnte ich daher nicht widerstehen, ein mir angebotenes, allerdings schon etwas ramponiertes Exemplar, günstig zu erwerben, in der Hoffnung, diesen Keller zu einem Arbeitskeller umfunktionieren zu können.

Das schien meiner Neuerwerbung allerdings gar nicht zu gefallen, und als erstes ließ er mich schon einmal gar nicht hinein. Ich brachte die verschlossene Türe mit dem antiken Schlüssel einfach nicht auf. Das schaffte nur der Vorbesitzer, der hatte den Dreh heraußen, aber auch nur manchmal. Also ließ ich die ungastliche Türe ab sofort unversperrt, eigentlich kein Problem. Außer einer alten Holzpresse, die allerdings noch völlig intakt war, gab es ohnehin keine wertvollen Sachen darin, dachte ich. Diese Runde ging an mich.

Als ich den Keller schließlich mit einem Baumeister besichtigte, stand das sonst trockene Presshaus plötzlich zwanzig Zentimeter unter Wasser, worauf das Projekt Umbau, schlagartig wieder erledigt war. Die zweite Runde war eindeutig an den Keller gegangen, eigentlich schon fast ein k.o. Sieg.

Ich war sauer und dachte an Rache, am liebsten hätte ich den Keller abgerissen, aber das brachte ich dann doch nicht über mich. Die Gelegenheit zur Revanche  ergab sich aber überraschend schnell, als für einen alten, zu renovierenden Bildstock in Parisdorf, ein großer schöner Sandstein benötigt wurde. Ich dachte sofort an den Pressstein im rebellischen Keller, der als Gewicht für die Presse diente.  Dieser war aus einem Stück sehr kompakten Zogelsdorfer Sandsteins, also bestens geeignet.

Alsbald machte sich  ein kleiner Trupp auf, um den Pressstein zu bergen. Natürlich versuchte sich der Keller sofort wieder zu wehren, indem er sich  abermals unter Wasser setzte, aber der Trupp war diesmal von mir darauf vorbereitet, und mit Gummistiefeln gut ausgestattet.

Andi, ein geschickter junger Mann, der auch als Feuerwehrmann bestens für solche Einsätze ausgebildet war, ging voraus, und versuchte den Pressstein abzumontieren, und eine Kette für den Abtransport zu befestigen. Der Boden war dadurch schon recht schlammig und aufgewühlt, und er übersah dadurch  etwas sehr wichtiges,- nämlich den Grand. Der Grand ist ein tiefes rundes oder rechteckiges Loch im Boden, in dem ein Bottich versenkt wurde, um den bei der Pressung gewonnenen kostbaren Traubensaft, erst einmal aufzufangen.

Es war gerade Februar, und ziemlich kalt draußen, und drinnen kaum weniger, als Andi plötzlich völlig überraschend im Boden verschwand. Nach einem kurzen Schreck, folgte herzhaftes Gelächter, als Andi doch,  allerdings wie ein Molch, schlammig, und triefend nass, wieder auftauchte. Andi war vorerst einmal ausgefallen. Die dritte Runde war eindeutig wieder an den Keller gegangen.

Aber gegen rohe Gewalt und menschliche Raffinesse war auch der alte Keller machtlos, und so fehlte ihm letztendlich doch der Pressstein und wurde ein wunderschöner Bildstock, der insgesamt sogar noch viel älter wie der Keller war. Das schien auch der alte Keller zu respektieren, und er beendete seinen Protest und wurde ganz plötzlich wieder trocken.

Immerhin hatte mir der alte Keller doch etwas Respekt eingeflößt, aber auch meine Neugier geweckt. Ich begann, nachdem dieser offensichtlich seinen Protest beendet hatte da die Gefahr eines Umbaus nicht mehr gegeben war, den Keller selbst, genauer zu untersuchen.

Tatsächlich entdeckte ich im hinteren Teil des alten Gewölbes einige  kaum erkennbare Lehmhügel. Ich holte einen Spaten und begann zu graben. Überraschend schnell stieß ich auf einen harten Gegenstand. Es war zwar keine Schatztruhe wie erhofft, aber immerhin eine alte Flasche. Die Form kannte ich nicht, es war irgendwie ein Mittelding zwischen einer Magnum- und einer Doppelliter, Flasche. Vorsichtig beendete ich die grobe Grabung und versuchte die Flasche mit einem Messer endgültig zu bergen. In dem  Augenblick, wo ich die Flasche eigentlich vollständig freigelegt  hatte, spritzte mir natürlich ein lehmiger Wasserstrahl ins Gesicht. So etwas hatte ich fast erwartet. Die Flasche hatte ich trotzdem, und der Wasserstrahl versiegte auch schnell wieder. Diese Runde war irgendwie unentschieden ausgegangen.

Feierlich wurde die Flasche im Familienkreis geöffnet und gab tatsächlich eine köstliche goldgelbe sherry-ähnliche Flüssigkeit preis. Ich war begeistert, natürlich hoffte ich, mehrere solche Flaschen, bergen zu können, und verstand langsam auch, warum sich der alte Keller so vehement verteidigte. Was mochte da alles an Schätzen noch verborgen sein, meine Phantasie war höchst angeregt, denn in Krisenzeiten wurde allerhand wertvolles in alten Kellern vergraben. Tatsächlich fand  ich bald an der gleichen Stelle noch eine zweite Flasche, derselben Bauart.

Diesmal machte der Keller keine Gegenwehr, ich hätte eigentlich gewarnt sein sollen. Stolz präsentierte ich  meinen Freunden und Weinkennern anlässlich meines Geburtstages die alte Kostbarkeit  und versuchte die Flasche feierlich zu öffnen. Es blieb einmal beim Versuch. Der Kork war nur etwa einen Zentimeter lang, aber er bewegte sich keinen Millimeter. Er schien sich in versteinertes Holz verwandelt zu haben. Nachdem ich zwei Korkenzieher bereits zerstört hatte und der Kork immer noch fest saß, wendete ich zwar keine brutale Gewalt, aber moderne Technik an. Ich war fest entschlossen diese Runde zu gewinnen. Als nahm ich meinen Dremel, wofür ich auch eine kleine Diamanttrennscheibe hatte, und schnitt den Hals der Flasche kurzerhand  unterhalb des widerspenstigen  Korkens, ab. Ein glatter Schnitt, sauber und splitterfrei, gegen moderne Technik konnte der alte Keller einfach nicht mithalten, dachte ich.

Alle hielten mir die Gläser entgegen und konnten es kaum erwarten, die kostbare antike Flüssigkeit zu genießen. Feierlich nahm ich die Flasche, säuberte den Hals noch einmal und begann einzuschenken. Die Flasche war bis zum Hals noch voll und der Inhalt ganz klar, also musste der Kork sehr gut gewesen, und die Flüssigkeit erfahrungsgemäß  in Ordnung sein. Ich neigte die kostbare Flasche, neigte sie etwas stärker, hielt sie fast senkrecht, aber nichts kam heraus. Die ätzenden Bemerkungen meiner Freunde ließen nicht lange auf sich warten. „ Dein Flaschengeist ist anscheinend heute nicht zuhause“ war noch der harmloseste Kommentar. Schließlich schüttelte ich die Flasche und fuhr mit einem Glasstab hinein, tatsächlich kam etwas Geleeartiges  heraus. Vorsichtig kostete ich mit der Fingerspitze, es schmeckte fast  genau so wie der Inhalt der ersten Flasche, die Flüssigkeit war nur vollständig geliert. Es war tatsächlich feinstes Weingelee und glücklicherweise kein Nitroglyzerin, wie einer der Scherzbolde behauptet hatte.

Natürlich traute sich niemand etwas davon zu sich zu nehmen, mein Ruf als Hersteller von Weinmarmelade war allerdings nicht mehr wegzubekommen. Diese Runde war wieder an den Keller gegangen.

Trotzig aß ich zum nächsten Frühstück feierlich eine frische Semmel mit Butter und dem Weingelee darauf, es schmeckte köstlich. Sofort kam mir der Gedanke die Flüssigkeit untersuchen zu lassen und die darin eventuell vorkommenden Enzyme oder Bakterien industriell zu verwerten. Gegen Mittag verwarf ich diesen Gedanken genauso gründlich wie den Umbau, denn es kam schon wieder die Revanche. Montezumas Rache war ein Späßchen, gegen die Probleme die ich plötzlich bekommen hatte.

Nichts dauert ewig, und als ich nach vielen langen Sitzungen,  und drei Kilo Gewichtsverlust wieder halbwegs in Ordnung war, besuchte ich noch einmal den alten Keller. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Sieg und sperrte die Türe gleich zweimal zu. Ganz gleich welche Schätze noch verborgen sein mögen, sollen sie doch dort von mir aus, ihre Ruhe haben. Gerne kann sich, wer immer auch will, den Schlüssel ausborgen und nach weiteren Schätzen suchen, ich übernehme keinerlei Verantwortung dafür.